Mental Wellness - quo vadis?
So könnte die Zukunft von Wellness aussehen
In den letzten Jahrzehnten kam es in der westlichen Welt zu einem fundamentalen Wertewandel, der die innere Werteaussattung der Individuen nachhaltig veränderte und weiter verändern wird. Helmut Klages beschreibt in seinem Ansatz des Wertewandels eine Gewichtsverlagerung von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten. Lesen Sie im nachfolgenden Buchauszug mehr über die Zukunft von Mental Wellness.
Laut aktuellen Studien erachten es vor allem die heute 15- bis 30-Jährigen als ein vorrangiges Lebensziel, in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit den Sinn des Lebens zu finden. Die Verknüpfung von Ausbildung, Beruf, Familie und Freizeit gerät so zur Aufgabe des Selbstmanagements der persönlichen Biografie.
Die Megatrends hinter Wellness
Individualisierung
Der Individualismus ist gekennzeichnet von der Betonung der Interessen der Einzelmenschen. Im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht der einzelne Mensch mit seinem Recht, seiner Freiheit, seinen Interessen und Ansprüchen, auch wenn es auf Kosten der Gemeinschaft geht.
Die Sozialpsychologen sprechen von einem Wandel, der sich vollzogen hat – von der Nächstenliebe zur Selbstliebe. Mittlerweile bewegt sich der Trend hin zum sogenannten Soft-Individualismus, bei dem die Werte Freundschaft, Gegenseitigkeit, Fairness und Naturnähe an Stellenwert gewinnen.
Gesundheit
Durch die Überalterung der Gesellschaft und die bedrohlich steigenden Gesundheitskosten muss nach Mitteln gesucht werden, um die Kostenexplosion in diesem Bereich zu bremsen. Mentale Erkrankungen als Ursache für Krankenstände sind seit 1997 um 67 % gestiegen, wohingegen physische Erkrankungen zurückgegangen sind.
Auch und vor allem politisch wird dem Begriff des „Empowerment“ eine zentrale Rolle zugeschrieben: Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass es sich lohnt, eigenverantwortlich gesund zu leben und sich wohlzufühlen. Diese Formel hat nach heute gültigen medizinischen und volkswirtschaftlichen Erkenntnissen den größten Effekt auf die Verbesserung der Lebenserwartung und Lebensqualität.
Dabei ist nicht allein die Pflege der Gesundheit die Motivation, sondern auch Spaß, Lebenslust und Sich-Verwöhnen sollen nicht zu kurz kommen. Dieses Prinzip entspricht dem Bedürfnis des modernen, leistungsorientierten und gestressten Menschen, ab und zu den Alltag mit all seinen Belastungen hinter sich zu lassen. Man sucht als Pendant zu Hektik und Zwängen einen Ort der Ruhe, wo man abschalten, tief durchatmen und wieder zu sich selbst finden kann.
Longevity – Das neue Altern
Kaum ein Trend ist so langfristig abgesichert wie die Alterung der Bevölkerung. Im Jahr 2020 wird in unserer Gesellschaft jeder Dritte über 60 Jahre alt sein. Unsere heute schon hohe Lebenserwartung wird weiter steigen – auch ohne eine genetische Verlängerung der natürlichen Lebensspanne.
Das „Dritte Lebensalter“ werde zum Selbstverwirklichungsalter, so sagt es Matthias Horx, Trendforscher des deutschsprachigen Raumes, voraus. Und auch in den Köpfen vieler Jung-Senioren hat sich die Individualisierung bereits manifestiert: Der anspruchsvolle und selbstbewusste Senior nimmt seine Altersgestaltung selbst in die Hand. Er ist flexibler geworden und will auch flexiblere Wohnformen wählen – der Trend geht vom klassischen Seniorenheim hin zu „kleinteiligeren“ Einheiten, in denen die Möglichkeit der Unterstützung gegeben ist, aber auch genug Platz für Individualität bleibt und in denen die Menschen in die Gesellschaft integriert sind.
Laut einer aktuellen Studie, bei der 2.000 Menschen über 16 Jahren befragt wurden, ziehen es 42 Prozent vor, selbst im Pflegefall in der eigenen Wohnung zu bleiben. Und denken wir daran: Schon in wenigen Jahrzehnten wird es nicht mehr die Jugend sein, welche die Mehrheit unserer Gesellschaft ausmacht.
Neue Mobilität und „New Work“
Wir befinden uns im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft: Diese basiert auf Schnelligkeit, Globalisierung, auf flacheren Hierarchien, transparenteren Märkten, Kommunikation und Kreativität, nicht zuletzt auf der Individualität ihrer Mitarbeiter. Auch hier wird deutlich: Bei wachsender Standortkonkurrenz sind heute eigenverantwortliche Mitarbeiter gefragt. Anstelle der alten Königswege in die Erwachsenenwelt zeichnen sich heute vielfach individuelle Trampelpfade ab, die den Menschen immer mehr selbst gesteuerte Flexibilität und Mobilität in der persönlichen Orientierung und Lebensplanung abverlangen.
Der Wettbewerb um die kreativen Mitarbeiter gibt den „Human Ressources“ einen erhöhten Stellenwert und sehr viel Hoffnung auf mehr Fokussierung auf den Menschen in unserer hochtechnischen und technisierten Gesellschaft. Die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern basiert auf einem neuen Menschenbild, das Selbstverantwortung, aber auch Chancenbeteiligung zur Grundlage hat. „Corporate Mental Wellness als wesentlicher Aspekt eines nachhaltigen Gesundheitsmanagements von Unternehmen ist heute aus der betrieblichen Praxis nicht mehr wegzudenken“, so Axel Güpner, Manager und Buchautor. Die Salzburger myG Academy ist ein Institut, das Unternehmen betreut und Trainer im Bereich des Systemischen Gesundheitsmanagement ausbildet. Für Trainer bedeutet dies den Zugang zu einem äusserst attraktiven Geschäftsfeld und für Unternehmen geht es um das pure Überleben.
Wie sieht die „Neue Arbeit“ nun aus? Laut dem Visionär und Praktiker Prof. Frithjof Bergmann muss das persönliche Arbeitspensum in zwei Bereiche eingeteilt werden: nämlich in die Arbeit, die man tun muss, und die Arbeit, die man tun will. Wobei er den Kerngedanken darin sieht, dass wir für UNS selbst gern arbeiten und nicht für andere. Etwas zu tun, woran ICH glaube, das MIR richtig erscheint und was ICH realisieren möchte, um damit Geld zu verdienen. Dafür ist es allerdings notwendig, dass wir die Fähigkeit entwickeln müssen, unsere Wünsche zu formulieren und zu realisieren. Zum ersten Mal in der Geschichte könnten wir eine Gesellschaft konstruieren, in der die Grundbedürfnisse der Menschen durch sehr wenig Arbeit (und weniger Rohstoffe und Energie) gedeckt werden – in der immer mehr Menschen das tun können, was sie wirklich wollen: Zum ersten Mal in unserer Geschichte könnten wir eine Kultur entwickeln, in der unser Geist das zentrale Instrument der Wertschöpfung ist.
Zwei weitere Trends umfassen die Themen „Frauen“ und „Spiritualisierung“, auf die im Buch ebenfalls näher eingegangen wird. Peter Beck widmet unter dem Titel „Rambofrauen“ der Thematik „Frauen“ ein gesamtes Buch. Er analysiert die Entwicklungen, warum Frauen als Folge einer zunehmenden Doppelbelastung aus Karriere und Familie mental zunehmend unter Druck geraten, und zeigt anschaulich auf, wie Betroffene und deren Familien damit umgehen können.
Wellness zur Sanierung des Gesundheitswesens
Der Wellness-Markt boomt. Wellness- Socken, Wellness-Joghurt, Wellness-Kaffee, Wellness-Tee, Wellness-Duschbad etc. versprechen einen wohltuend gesunden Verbrauch – kleine Streicheleinheiten fürs Gemüt inklusive. Jedes Hotel, auch wenn es im Keller nur über eine Sauna verfügt, bezeichnet sich schon als Wellness- Tempel.
Wellness ist heute bereits ein Zauberwort für die Konsumgüterindustrie, sei es die Pharmaindustrie, der Kosmetik- und Beauty-Markt, Tourismus oder auch die Nahrungsmittelindustrie.
Auch und vor allem die Dienstleistungsbranche findet ein breites Einsatz Einsatzgebiet vor, da die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft mit neuen Herausforderungen an das Innere einhergeht: Sowohl sozialer Erfolg als auch persönliche Erfüllung sind zunehmend an das Aktivieren und Einsetzen individueller Potenziale jeglicher Art (geistige, körperliche, emotionale und soziale) gebunden.
Gleichzeitig wächst in uns der Wunsch und auch die Notwendigkeit, Unterstützung für eine nachhaltige, selbst erbrachte Verhaltensänderung zu erhalten. Deshalb werden neue, assistierende Dienstleistungen zur Unterstützung bei der Erschließung und Steigerung der eigenen Ressourcen und Energiequellen benötigt. Es kommt zu einem Berater- und Coaching-Boom in vielen Bereichen, vom Money- und Life-Coach über Lifestyle- Psychologen, Motivationstrainer, Ernährungsberater bis zum „Dream-Coach“. Leider tummeln sich viele selbst ernannte Gesundheits-Gurus auf dem Markt. Die Schweizer Mental Wellness Company hat als erstes Unternehmen ein umfassendes, mehrstufiges Ausbildungs-Curriculum für Experten in diesem Bereich entwickelt. Die meisten Anbieter oder Ausbilder stel- len auf die vermeintlich eine richtige Mentaltechnik ab, was aber vergleichbar ist mit einem Fitnesstrainer, der sich nur mit dem Laufband oder dem Hometrainer auskennt – aber keine weitere Techniken und Instrumente beherrscht. Hier geht es um Bewusstsein und Kompetenz in Bezug auf das Erkennen, welche Technik bei welchem Kunden effektiv und wirksam ist.
Der Sozialforscher Leo A. Nefiodow hat Wellness auch als „psychosoziale Gesundheit“ bezeichnet und Kernfaktoren einer „substanziellen Wellness“ definiert, die uns zu Wohlbefinden – „Well-Being“ ? verhelfen.
Vor allem die beiden letzten Punkte zeigen den Stellenwert einer umfassenden Lebensqualität des 21. Jahrhunderts auf, in welcher der Mensch sich selbst und seine Lebensumwelt immer aktiver und bewusster gestaltet – und so zum Manager seines Lebens wird.
Fazit
Mental Wellness wird heute noch vorwiegend im privaten Bereich realisiert. Aber sie wird immer stärker von Krankenkassen und Versicherungen übernommen, weil die Wirkungsweisen des Gesunderhaltens von diesen Institutionen erkannt werden. Dadurch können mittel- bis langfristig die Kosten für medizinische Versorgung beträchtlich minimiert werden und Mental Wellness wird als ein wesentlicher Faktor zur volkswirtschaftlichen Sanierung des sozialen Gesundheitswesens auch im öffentlichen Bereich erachtet werden.
Mehr und mehr werden Corporate Mental Wellness und auch Mental Wellness im privaten Bereich von solchen Institutionen angeboten, da die Nachhaltigkeit aller gesundheitsfördernden Massnahmen signifikant gesteigert werden kann. Diese kostentechnischen Auswirkungen wird man erst in einigen Jahren quantifizieren können, jedoch ist bereits heute der volkswirtschaftliche Aspekt von klassischer Wellness gepaart mit mentaler Wellness erkennbar und erwiesen.
Prof. Bruno F. Seebacher und Dr. Uwe Seebacher
Lit.: Auszug aus „Mental Wellness – Das Geheimnis der Sieger“, USP Publishing, 2004




