Gesundheitssport auf dem Prüfstand

14.08.2009Von: Michael Lutz

Screening, Testing und Diagnostik im Gesundheitssport: Teil2

In seinem ersten Teil (siehe auch www.bodylifeswiss. ch/medical-fitness) ist Michael Lutz insbesondere auf den Bereich der cardio-vaskulären Leistungsfähigkeit und die motorische Eigenschaft Kraft eingegangen. Hier beginnt auch der zweite Teil, der weiter auch die motorische Eigenschaft Beweglichkeit sowie die koordinativen Fähigkeiten behandelt.

Nachdem der erste Teil dieses Beitrags von Michael Lutz mit der „Prozent vom 1-RM Methode“ endete, soll hier mit einer anderen Art des Krafttests eingestiegen und fortgefahren werden: dem induktiven Ansatz. Dabei wird das subjektive Belastungsempfinden des Sportlers als entscheidender Parameter angenommen, welches u.a. über Fragebögen (Borg-Skala) ermittelt wird. Die Intensitätsempfehlungen variieren dann je nach subjektivem Anstrengungsgrad. Dem Vorteil der einfachen und sicheren Handhabung dieses Verfahrens steht jedoch der Nachteil gegenüber, dass der entscheidende Parameter „subjektives Belastungsempfinden“ äusserst schwierig zu messen und zu quantifizieren ist. Die Gefahr einer Unter- oder Überforderung ist relativ hoch, so dass der induktive Ansatz für das Krafttraining sportwissenschaftlich sehr kontrovers diskutiert wird.

ILB-Methode
Als besonders geeignet für die speziellen Anforderungen eines gesundheitsorientierten Krafttrainings hat sich die Individuelle- Leistungsbild-Methode (ILB-Methode) herausgestellt. Dabei werden in einem ersten Schritt neben der Trainingsmethode – korrespondierend zur Zielsetzung – entsprechende Wiederholungszahlen und geeignete Übungen bzw. Bewegungsformen ermittelt. Im zweiten Schritt erfolgt der eigentliche ILB-Test, in dem das maximal mögliche Gewicht für die entsprechende Wiederholungs-zahl, die später im Training angewendet wird, ermittelt wird. Ein Testergebnis ist erreicht, wenn die Testperson mit dem vorbestimmten Gewicht die Wiederholungszahl bewältigt, die aufgrund des gewählten Trainingsziels vorgegeben wurde.
Im Gesundheitssport wird bei dieser Methodik der Faktor „Ausbelastung“ dahingehend definiert, dass die letzte technisch korrekt ausgeführte Wiederholung (bei einem vorgegebenen, zumeist normalen Bewegungstempo) als Ausbelastungskriterium gewertet wird. In einem dritten Schritt erfolgt dann die Berechnung der konkreten Trainingsintensitäten. Dabei richten sich die prozentualen Belastungsintensitäten zur Berechnung der Trainingsgewichte nach der individuellen Leistungsstufe des Trainierenden.

Die Beweglichkeit
Ein weiterer essentieller Baustein eines gesundheitsorientierten Bewegungstrainings ist die motorische Eigenschaft Beweglichkeit. Neben der muskulären Beweglichkeit spielt dabei besonders die Gelenkstellung eine grosse Rolle.
Bei der Testung der Beweglichkeit wird zwischen Muskelfunktionstest zur Testung der muskulären Flexibilität und der Neu- tral-0-Methode zur Bestimmung der funktionalen Beweglichkeit des Gelenkes unterschieden. Die Ermittlung dieser bewegungsrelevanten Parameter ist für die Auswahl geeigneter Übungen und Bewegungsformen unabdingbar.

Koordinative Fähigkeiten
Bei der Erstellung eines Trainingsprogramms im Gesundheitssport kommt auch der Beachtung der koordinativen Fähigkeiten der Testperson bzw. deren Ermittlung eine besondere Bedeutung zu. Hier wiederum liegt ein Schwerpunkt auf der Gleichgewichtsfähigkeit. Die Schulung des Gleichgewichts zur Wiederherstellung bzw. Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten wird als propriozeptives Training bezeichnet. Die Zielstellung dieser Trainingsform liegt in der positiven Beeinflussung der Tiefensensibilität und der sich daraus ergebenden reflektorischen Stabilitätsfähigkeit der Muskulatur. Die Wichtigkeit dieser besonderen Form des Trainings unterstreicht die Tatsache, dass Propriozeption die allgemeine Grundlage der motorischen Kontrolle des menschlichen Bewegungssystems darstellt. Mit dem mobilen Testgerät, dem S3 Check, steht hierfür ein apparatives Testverfahren zur funktionalen Bewertung der Körperstabilität und sensomotorischen Regulationsfähigkeit im Stehen zur Verfügung, welches eine hohe Validität und Reliabilität aufweist.

Bewegung und Wirbelsäule
Das Thema Bewegung zentriert sich im gesundheitsorientierten Kraft-, Beweglichkeits- und Koordinationstraining insbesondere um die Wirbelsäule. Für das Training im Gesundheitssport stehen demnach primär die Eigenschaften Haltung, Beweglichkeit und Haltungskompetenz der Wirbelsäule im Vordergrund. Zu deren Ermittlung stehen zahlreiche apparative und nichtapparative Verfahren zur Verfügung. Bei nichtapparativen Verfahren kommen teilweise Neutral-0-Tests bzw. sogenannte orthopädische Zeichen (Schober, Ott, Finger-Boden-Abstand, Matthiass-Test etc.) zum Einsatz. Bei der Bestimmung von geeigneten Übungen und Bewegungsformen bzw. deren Ausführungskriterien sind Informationen über das segmentale Verhalten der Wirbelkörper in Bewegung und unter Last sehr wichtig. Als Beispiel für ein apparatives Verfahren dient das mobile Testgerät MediMouse. Ohne Strahlenbelastung wird durch Abfahren der Wirbelsäule in verschiedenen Messpositionen die segmentale Winkelstellung jedes Wirbelkörpers ermittelt. Über den Ver gleich der verschiedenen Messpositionen entsteht so ein komplettes Bild über die Haltung, die Beweglichkeit und die Haltungskompetenz der Wirbelsäule. Die ermittelten Ergebnisse werden über eine spezielle Software verschaltet und kombiniert gewichtet. Zum Teil werden sie sogar direkt in adäquate Übungs-, Bewegungsund Ausführungsvorschläge übergeleitet.

Neue Chancen
Generell stellt der Gesundheitssport ein hoch komplexes und tiefschichtiges Thema dar, welches in der gängigen Praxis zu häufig den Anforderungen einer seriösen Gesundheitsdienstleistung nicht standhält. Die in Leistungssport, Therapie, Medizin, Breitensport sowie Fitnesstraining etablierten und dort durchaus bewährten Screening-, Testing- und Diagnoseverfahren müssen in Bezug auf ihre Eignung für den Gesundheitssport kritisch geprüft werden.
Angesichts der demografischen Entwicklungen unserer Gesellschaft entstehen neue Kundenschichten, die den kommerziellen gesundheitsorientierten Bewegungsanbieter mit neuen Anforderungen und Risiken konfrontiert, aber auch neue Chancen sowie neue geschäftliche Perspektiven eröffnet. Das Paradigma, dass Screening, Testing und Diagnostik teuer und nicht praktikabel sind, stammt aus einer Zeit, als noch eine völlig andere Klientel kommerzielle Bewegungsangebote wahrnahm. Diese Fehleinschätzung gilt es zu durchbrechen, da es der Wirklichkeit und den aktuellen Entwicklungen nicht entspricht.
Aus ökonomischen Gründen oder aus Unkenntnis werden die aufgezeigten wesentlichen Aspekte des Screenings, Testings und der Diagnostik im Gesundheitssport kaum beachtet. Dies spiegelt sich in der Qualität der erbrachten Gesundheitsdienstleistungen wider. Qualität hat ihren Preis – diese Tatsache gilt insbesondere für den Wachstumsmarkt Gesundheit.

FAZIT
Gelingt es dem kommerziellen Gesundheitsdienstleister, über geschicktes regionales Marketing die Unterschiede zwischen Gesundheitssport und Fitness beziehungsweise Sport deutlich zu machen, ist eine Unterscheidung zu Anbietern in geringeren Preissegmenten und Filialisten (Studioketten) gegeben. Dies stellt eine grosse Chance dar, das erworbene spezifische Know-how in Verbindung mit speziellen, für den Gesundheitssport tauglichen Screening-, Testing- und Diagnostikverfahren als Alleinstellungsmerkmal zu einer grossen Zahl potenzieller Kunden zu transportieren.

Michael Lutz – ist selbstständiger Dipl.-Gesundheitsmanager und Gründer der Firma BITsoft. Neben diversen Referententätigkeiten u.a. für das Dr. WOLFF Ausbildungszentrum für Sport & Prävention, den Deutschen Verband der Sportärzte in Fitness- und Freizeitanlagen (DVSF) sowie für Qualitop und die SAFS in der Schweiz, ist Lutz auch seit 1997 Inhaber eines Dr. WOLFF Rückenzentrums in Bitburg.
Infos: www.dr-wolff.de
www.BITsoftNET.de

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