Gesundheitssport auf dem Prüfstand
Screening, Testing und Diagnostik im Gesundheitssport: Teil 1
Die gesundheitsprotektiven Effekte eines moderaten Bewegungstrainings sind mittlerweile unumstritten - eine Tatsache, die inzwischen als akzeptierte Faktenlage in weiten Teilen der Bevölkerung angekommen ist. Die damit verbundene Assoziation von Gesundheit und Bewegung begünstigt die Entwicklung des Marktes für bewegungszentrierte Gesundheitsdienst-leistungen.
Die derzeit stattfindenden strukturellen Veränderungen im Gesundheitswesen beschleunigen eine Entwicklung, in der sich die klassischen Patienten- und Kundenverteilungen zu Arzt, Therapeut und Bewegungsanbieter (Fitnessstudio, Verein etc.) verschieben. Es ist in zunehmendem Masse zu beobachten, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Risiken – deren sie sich oft nicht bewusst sind – Bewegungsangebote wahrnehmen, die in Inhalt, Durchführung und Zielstellung eher auf Sportler zugeschnitten sind. Die Grenze zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention verläuft häufig fliessend. Ein seriöses Angebot von präventivmedizinischen Gesundheitsangeboten mit dem Schwerpunkt Bewegung setzt so- mit voraus, dass Trainer, Therapeuten und Mediziner interdisziplinär sowie vernetzt denken und arbeiten.
Insbesondere die Anforderungen an Screening-, Testing- und Diagnostikverfahren müssen den strukturellen Umwälzungen des Gesundheitsmarktes Rechnung tragen. Es muss hinterfragt werden, inwieweit gängige Methoden sowie dafür verwendete apparative Ausstattungen den speziellen Aufgaben des Gesundheitssports gerecht werden oder diese den Anforderungen nicht entsprechen.
Im Folgenden sollen die Anforderungen an Screening-, Testing- und Diagnoseverfahren sowie personelle, fachliche und apparative Voraussetzungen zu deren Durchführung aufgezeigt werden. Des Weiteren wird versucht, auch den für kom merzielle Bewegungsanbieter wichtigen finanziellen und ökonomischen Aspekt zu beleuchten. Auch die Positionierungschancen im sich neu strukturierenden Gesundheitsmarkt durch Angebot von Screening-, Testing- und Diagnostikdienstleistungen werden betrachtet.
Anforderungen
Eine grosse Herausforderung besteht darin, ein geeignetes Verfahren zu definieren, welches jeweils auf die individuellen physiologischen und biologischen Voraussetzungen der Testperson angewandt werden kann. Auch die Eignung und Aussagekraft der erhobenen Testdaten für die beabsichtigte Zielstellung müssen passen. Dazu einige Beispiele, um die Problematik zu verdeutlichen.
Cardio-vaskuläre Leistungsfähigkeit
Viele etablierte Verfahren zur Ermittlung der individuellen cardio-vaskulären Leistungsfähigkeit sind auf die Erfordernisse des Leistungssports zugeschnitten. Häufig ist hierbei eine Ausbelastung der Testperson notwendig, um aussagekräftige Informationen zur Trainingssteuerung bzw. zur Dokumentation der zum Testzeitpunkt aktuellen Ausdauerleistungsfähigkeit zu erhalten. Ein solches Verfahren birgt vermehrte Risiken in sich und verlangt nach Absicherung durch Spezialisten (z.B. Sportmediziner) sowie der Erfassung und Auswertung detaillierter Anamnesedaten. Auch muss die Frage gestellt werden, ob gänzlich untrainierte Personen überhaupt eine physiologische Ausbelastung erreichen, aus der die für eine Trainingsplanung notwendigen Steuerungsgrössen ermittelt werden können.
Der als PWC Test (Physical Work Capacity) bezeichnete und häufig angewandte Stufentest zur Ermittlung der individuellen Ausdauerleistungsfähigkeit lässt nur eine sehr grobe Ableitung von Trainingspulsfrequenzen bzw. Intensitäten und Umfängen zu. Submaximale Verfahren, wie z.B. der IPN-Test® für Fahrradergometer und neuerdings auch der IPN-Test Laufen/ Walken® für das Laufband, sind speziell für die Anforderungen des Gesundheitssports entwickelt worden. Aber auch der Einsatz dieser Verfahren ist auf die Fälle begrenzt, in denen eine reguläre Pulssteuerung funktioniert. Dies ist jedoch bei Einsatz bestimmter Medikamente nicht gewährleistet, so dass anstelle der Pulsorientierung die Laktat-Erhebung und/ oder die Ergospirometrie notwendig wird.
Motorische Eigenschaft Kraft
Bei der Ermittlung der individuellen Leistungen der motorischen Eigenschaft Kraft gibt es eine Reihe verschiedener Verfahrensweisen und auch sehr unterschiedliche Motive für die weitere Verwendung des Resultats. Am Anfang der Planung einer Trainingsmassnahme im Gesundheitssport gilt es zunächst, generelle Kraftdefizite und Kraftungleichgewichtsverhältnisse sowie die dafür ursächliche Muskulatur bzw. Muskelgruppen zu identifizieren. Besonders zum Tragen kommt hier der Aspekt der Muskeldysbalance. Per definitionem wird eine muskuläre Dysbalance als gestörtes Verhältnis der Ruhespannung von agonistischer und antagonistischer Muskulatur beschrieben, die zu einer Abweichung der Normgelenkstellung führt.
Zur Ermittlung von Kraftdefiziten, Kraftungleichgewichten und muskulären Dysbalancen sind sowohl apparative als auch nicht-apparative Verfahren geeignet. Bei Letzteren muss allerdings der Vorteil der variablen Anwendungsmöglichkeit mit den Nachteilen geringerer Reliabilität gegenüber apparativen Verfahren abge abgewogen werden. Die unter diesem Gesichtspunkt erzielten Ergebnisse dienen in erster Linie zur Ermittlung geeigneter Übungen und Bewegungen als Basis für das Krafttraining. Hierbei muss nochmals der Aspekt der muskulären Dysbalance beleuchtet werden. Gibt es eventuell ein lateral unterschiedliches Kraftniveau der Rückenmuskulatur, muss kritisch betrachtet werden, ob hier ein Rückenkraftgerät (z.B. Lat- oder Ruderzuggerät) mit unilateraler Kraftübertragung (eine verbundene Zugstange bzw. ein einzelner Zughebel) überhaupt für gesundheitssportliche Anforderungen geeignet ist. Vielmehr wäre in diesem Beispiel eine bilaterale Kraftübertragung (zwei getrennte Zughebel) angezeigt, weil ansonsten eine muskulär stärker ausgeprägte Seite funktionell noch kräftiger wird.
Im Anschluss an die Auswahl geeigneter und benötigter Kraftübungen gilt es dann, mittels der ausgewählten Übungen Tests zur Ermittlung der individuellen Kraftleistungsfähigkeit in der getesteten Übungsform bzw. am getesteten Gerät zu ermitteln. Die erzielten Ergebnisse sollen zur Bestimmung der Intensität (Gewicht, Widerstand, Pausenzeiten, Zeit unter Spannung [Time under Tension]) sowie des Umfangs (Wiederholungen, Sätze) dienen. In der Trainingssteuerung sind anpassungsspezifische Intensitätsbereiche zumeist in Prozent vom Maximalgewicht angegeben. Dabei bezieht sich das Maximalgewicht auf die maximal mögliche Kraftleistung bei einer Wiederholung – das sogenannte One-Repetition-Maximum (Prozent vom 1-RM). Basierend auf diesem Maximalwert (=100%) werden die Belastungsintensitäten je nach Krafttrainingsbereich (= erwünschter Anpassungseffekt) festgesetzt. Die dabei entscheidende Bezugsgrösse Maximalkraft ist im Gesundheitssport nur sehr bedingt ermittelbar ermittelbar. Schliesslich stammt das Verfahren aus dem Leistungssport und ist auch als deduktiver Ansatz bekannt. Bei einem Maximalkrafttest sind Sehnen, Muskeln, Gelenkkapseln, Knochen und Knorpel plötzlich ungewohnt hohen Belastungen ausgesetzt, so dass diese Bereiche bei weniger gut trainierten Personen Schädigungen erfahren können. So kann beispielsweise ein Maximalkrafttest an einem dafür nicht speziell konzipierten Mess- und/oder Trainingsgerät bereits bestehende Wirbelsäulenschäden verschlimmern oder durch die hohen Zug- oder Druckbelastungen eine noch gesunde Wirbelsäule schädigen. Kritisch sollte hier betrachtet werden, dass selbst in der Trainingstherapie die Angaben der Intensitätsbereiche auf der „Prozent vom 1-RM Methode“ basieren.
Michael Lutz
– ist selbstständiger Dipl.-Gesundheitsmanager und Gründer der Firma BITsoft. Neben diversen Referententätigkeiten u.a. für das Dr. WOLFF Ausbildungszentrum für Sport & Prävention, den Deutschen Verband der Sportärzte in Fitness- und Freizeitanlagen (DVSF) sowie für Qualitop und die SAFS in der Schweiz, ist Lutz auch seit 1997 Inhaber eines Dr. WOLFF Rückenzentrums in Bitburg.
Infos: www.dr-wolff.de und www.BITsoftNET.de




