Diagnose Sportsucht

09.02.2012

Wenn aus Spass Ernst wird

Sport macht Spass und ist gesund. Nicht immer. Im Fall von Sabine W. (30 Jahre, 1,70 m, 50 Kilogramm) hat das Sportpensum schon längst gefährliche Ausmasse angenommen. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Laut Experten leidet eine zunehmende Zahl von Freizeitsportlern unter Sportsucht. Viele davon trainieren in einem Fitnesscenter.

Längst überschreitet das Sportprogramm von Sabine W. ein gesundes Mass: Täglich geht die Bürokauffrau vor der Arbeit 45 Minuten Joggen. In der Mittagspause absolviert sie einen "kurzen" Bauch-Beine-Po-Zirkel und direkt nach der Arbeit geht es weiter: 60 Minuten Aufwärmen auf dem Ergometer und danach zwei Groupfitnesskurse. Dieser Trainingsmarathon klingt nicht mehr nach reinem Vergnügen, sondern nach purer Quälerei und beschreibt eine Krankheit, bei der die Betroffenen jegliches Mass für gesunde Bewegung verloren haben. Die Rede ist von Sportsucht.

Zweites Zuhause Fitnesscenter

Ein Sportverhalten wie bei Sabine W. entspricht nicht mehr der Norm. Auch in Schweizer Sport- und Fitnesscentern sind solche "Fitness-Verrückten" zu beobachten. Eindeutige wissenschaftliche Untersuchungen über die neue "Zeitkrankheit" Sport- oder auch Fitnesssucht existieren zwar noch nicht, Experten sind sich jedoch sicher, dass die Zahl der Betroffenen stetig wächst.
Mediziner sprechen von einem suchtartig zwanghaften Verlangen nach sportlicher Betätigung ohne Wettkampfambitionen, welches sich teils in kontrolliertem und teils unkontrolliertem exzessivem Trainingsverhalten äussert. Trotz der damit verbundenen bzw. daraus resultierenden körperlichen und seelischen Beschwerden leiden Sportsüchtige unter dem inneren Zwang, ihrer sportlichen Betätigung nachgehen zu müssen.

Sportsüchtige leiden häufig auch unter Essstörungen

Als Einzelphänomen ist die Sport- oder Fitnesssucht eher selten; sie wird oftmals von Essstörungen begleitet. Experten gehen sogar so weit und bezeichnen die Sportsucht selbst als eine Ausprägung/einen Spezialfall eines krankhaften Essverhaltens (Aktivitätsanorexie = der Betroffene treibt lediglich Sport, um nicht dick zu werden).
Aufgrund noch fehlender allgemeingültiger Diagnosen ist die Unterscheidung zur sog. Aktivitätsanorexie (Sportsucht mit krankhaftem Essverhalten) noch strittig. Die zwei häufigsten Erscheinungsformen stellen sich jedoch wie folgt dar:

  • Bei einer vorliegenden Sport-Bulimie (Bulimia athletica) wird jeder Fressanfall mit einer zusätzlichen exzessiven Trainingseinheit bestraft und Nahrung vorrangig nicht erbrochen.
  • Im Rahmen einer Sport-Anorexie (Anorexia athletica) fällt hingegen die Nahrungsaufnahme trotz übermässigen Trainings vollständig weg.

In beiden Fällen dient das intensive Trainieren vor allem dazu, das Körpergewicht zu reduzieren und ein bestimmtes Figurideal zu erreichen.

Sportsucht bei Männern

Längst sind davon nicht mehr vorrangig weibliche Mitglieder betroffen; auch männliche Sportler verfallen zunehmend der quälenden und zwanghaften Sucht nach Bewegung.
Männer können ebenfalls die beschriebenen Formen einer Essstörung in Kombination mit Sportsucht ausprägen. Häufiger stellt sich bei männlichen Sportsüchtigen jedoch ein in Kombination auftretendes gestörtes Essverhalten in Form von Nahrungsergänzungsmitteln (Supplementen) dar. Männer unterliegen öfters dem zwanghaften Wunsch nach immer mehr Muskelmasse, der sogenannten Muskelsucht. Ungeachtet möglicher Nebenwirkungen soll hierbei die Einnahme legaler, aber auch illegaler Supplemente die natürlich limitierende Grenze des Muskelaufbaus ausser Kraft setzen.

Warum Sport zum Zwang wird

Warum manche Mitglieder die Grenze von einem vergleichsweise normalen hin zu einem durch Zwänge getriebenen Sportverhalten überschreiten, ist unklar. Einige instrumentalisieren ihren Sport als Bewältigungsstrategie für Probleme, deren Ursachen tiefer liegen. Die gängigsten Erklärungsansätze sind:

  • Auf der psychischen Ebene kann ein sportsüchtiges Verhalten dazu dienen, das Selbstbewusstsein zu steigern und Ängstlichkeit zu mindern. So wird beispielsweise die völlige körperliche Erschöpfung oder das Erreichen eines Trainingsziels als Erfolgserlebnis gewertet. Der sportliche Erfolg kompensiert Misserfolge in anderen Bereichen; eine eigentliche Problembewältigung findet nicht statt.
  • Auf psychosozialer Ebene äussern Experten ebenso den Verdacht, dass rein die Ablenkung von Alltagsproblemen bei der Entwicklung dieser Sucht eine Rolle spielen kann. Während intensiver körperlicher Anstrengung konzentrieren sich die betroffenen Sportler nur auf das Hier und Jetzt. Alltagsprobleme sind für den Zeitraum des Trainings irrelevant. Die Sportler laufen vor ihren Problemen wortwörtlich davon und begehen regelmässig Realitätsflucht.
  • Auf Ebene der körpereigenen Hormonproduktion findet sich ein weiterer Erklärungsansatz. Dabei wird die verstärkte Endorphin- oder auch Adrenalinausschüttung bei intensiver oder gefährlicher sportlicher Betätigung und dem damit im Extremfall verbundenen "Rauschzustand" oder "Kick" (z.B. dem "Runner's High" bei Läufern) forciert.
  • Die Ebene gesellschaftlicher Ideale spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle; auch sie kann als Ursache zur Entwicklung einer Sportsucht führen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Leistung hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert und ist positiv konnotiert. Wer Leistung in sportlichen Bereichen bringt, der verhält sich sicher auch im Berufsleben engagierter, ausdauernder, willensstärker und erscheint für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens wertvoller.
  • Vorherrschende Schönheitsideale, die sich längst nicht mehr nur auf das weibliche Geschlecht beschränken, sondern sich zunehmend auch auf Männer beziehen, sind mitunter eine der häufigsten Ursachengruppen für die Entstehung einer Sportsucht. Fit, schlank und durchtrainiert ist gleich sexy, erfolgreich und glücklich. So suggeriert es uns unser gesellschaftliches Leben. Folglich hängt bei immer mehr Frauen das Selbstwertgefühl vom möglichst geringen Körpergewicht und beim Mann vom möglichst durchtrainierten Oberkörper ab.

Ausser Kontrolle

Dass der ständige Kampf um den idealen Körper ausser Kontrolle geraten kann, wird in Fällen deutlich, in denen sich das eigentlich Freude bringende Training verselbstständigt. Die permanente und häufig über Jahre hinweg andauernde Überlastung des Körpers durch das ausbeuterische Training hinterlässt Spuren. Folgen können unter anderem sein:

  • geschwächtes/gestörtes Immunsystem
  • Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern
  • Herzrhythmusstörungen oder Herzmuskelentzündungen (wenn Erkältungen oder grippale Infekte ignorant übergangen werden).

In Verbindung mit Magersucht oder Bulimie (extremes Absinken des Körperfettanteils) können weitere gesundheitliche und vor allem irreparable physische (Hormonstörungen, Mangelerscheinungen aufgrund von Vitaminmangel, physische Erschöpfungszustände, Ausbleiben der Menstruation, Impotenz, Osteoporose mit Abnahme der Knochendichte, Überlastungsbrüche, Wachstumsstörungen) und psychische Schäden (gestörte Körperwahrnehmung) auftreten.
Wenn Mitglieder ihre Kalorienzufuhr so weit herunterschrauben, dass der Körper nicht mehr fähig ist, Muskeln aufzubauen, verschlimmert sich der Teufelskreis in gefährliche Dimensionen. Während die Muskeln stärker werden und die Figur immer schmaler wird, verenden häufig Kontakte zu Freunden und Verwandten (soziale Isolation). Sogar Partnerschaften können zerbrechen, wenn der Partner oder die Partnerin das Verständnis für den Dauersport verliert, weil er oder sie sich zu wenig beachtet fühlt.
Die Grenze, wann die Freude am Sporttreiben zur Sucht wird, ist schwer zu erkennen und vor allem von den Experten zu ziehen. Manche der Betroffenen sehen ihren Sport als leidenschaftliches Hobby und nicht als Sucht. Andere wiederum wissen irrationalerweise von ihrem Problem und sind sich darüber im Klaren, dass ihr Verhalten nicht mehr "ganz normal" ist. Trotz allem unterliegen sie dieser zwanghaften Liebe zu ihrem Sport. Dass aus dem täglichen "Muss" auch mal ein gelassenes "Kann" wird, ist ein Traum, den jeder der Betroffenen tief in sich hegt.

Umgang im Fitnesscenter

Da sich Sportsüchtige bekanntlich in Fitnesscentern tummeln, gilt es gerade für Trainer und Servicemitarbeiter, aufmerksam und sensibel für dieses Thema und die ersten Anzeichen einer Sportsucht zu sein. Wenn bereits die ersten Merkmale (siehe Kasten) sichtbar werden, ist der Zeitpunkt überschritten, an dem der Betroffene sein Sportvolumen noch aus eigener Kraft reduzieren kann.
Aussenstehende haben die Chance, den betroffenen Menschen zu helfen, jedoch nicht, sie zu therapieren. Zu komplex sind die Formen der Sportsucht. Fitnesscentermitarbeitern fehlt oftmals auch die fachliche Kompetenz, um adäquat und behutsam mit der Ansprache des oder der Sportsüchtigen umzugehen, ohne ihn/sie an den Pranger zu stellen. Neben der generellen Empfehlung, einen Therapeuten zu konsultieren, bieten sich im Sport- und Fitnessbereich noch weitere Möglichkeiten, die Betroffenen auf ihre bereits mehr oder minder wirkende Beeinträchtigung aufmerksam zu machen.
Bereits Servicemitarbeiter können das täglich eincheckende und sich über mehrere Stunden im Center aufhaltende Mitglied in einem unverbindlichen Smalltalk auf sein ungewöhnliches Verhalten aufmerksam machen. Auch Trainer auf der Fläche haben hierzu gute Möglichkeiten. Ihre Bandbreite an Interventionsmöglichkeiten gestaltet sich etwas vielfältiger. Sie können z.B. im Rahmen regelmässiger Trainingschecks auf einen zu geringen Körperfettanteil oder andere erhobene anormale Werte aufmerksam machen. Natürlich bietet auch das Angebot der Trainingsplanüberarbeitung eine Möglichkeit. Dabei können zu hohe Intensitäten oder zu häufige Trainingsintervalle konstruktiv besprochen und deren Bedeutung dem Sportsüchtigen erklärt werden. Nicht selten sehen die Betroffenen gerade durch solche Situationen etwas klarer, wenn "ihr" Trainer – und dies bezieht auch Kurstrainer mit ein – sie auf ihr nicht mehr ganz normales Verhalten anspricht. Denn sehr oft sind es gerade Trainer, die einst bei Ausbruch der Verhaltensänderung unbeabsichtigt als Vorbild dienten.
Sportsucht ist, und das muss endlich international erkannt werden, eine schwere psychophysische Erkrankung. Heilungschancen bestehen aber durchaus. Der Weg dorthin bedarf jedoch psychologischer Hilfe – im schlimmsten Fall sogar mit stationärem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Damit es so weit aber erst gar nicht kommt, muss den ersten Anzeichen mit mutiger Ernsthaftigkeit, Einsicht und professioneller Hilfe begegnet werden.

Bianca Jordan

Anm. d. Red.: Die beschriebene Person Sabine W. ist frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit realen Personen rein zufällig. Die Autorin hat keinerlei vertrauliche Informationen weitergegeben. Personalisierungen sind ein gängiges journalistisches Stilmittel zur besseren Veranschaulichung eines Sachverhalts.

Kategorie: Medical Fitness

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