Kräftig altern

Ende Februar erscheint das neue Buch „Kräftig altern“ – eine Co-Produktion von body LIFE, der Universität Basel und dem Schweizer Fitness- und Gesundheitscenterverband (SFGV). Sie können bereits reinlesen, denn ab sofort präsentieren wir erste Auszüge. Teil 2: Die Bedeutung von Gleichgewichtstraining im Alter.
In der Literatur wird keine einheitliche Nomenklatur für Trainingsformen zur Verbesserung der Standstabilität und des Gleichgewichtsvermögens verwendet. (...) Der Begriff propriozeptives Training erscheint irreführend, da er nur die sensorische Reizaufnahme einschliesst, jedoch nicht deren Umsetzung in eine Bewegungshandlung. Die Bezeichnungen neuromuskuläres oder sensomotorisches Training sind zu weit gefasst, da eine Vielzahl von Trainingsformen (z.B. Krafttraining) unter diesen Begriffen subsumiert werden können. Gleichgewichtstraining scheint eine angemessene Bezeichnung zu sein, da sich dieser Terminus konkret an den Inhalten (gleichgewichtsschulende Übungen) und Zielen (Verbesserung des Gleichgewichts) der zugrundeliegenden Trainingsform orientiert. Vor diesem Hintergrund wird in den nun folgenden Ausführungen der Begriff Gleichgewichtstraining verwendet. Um Missverständnisse zu vermeiden, sei der Leser darauf hingewiesen, dass die oben aufgeführten und in der Literatur verwandten Termini inhaltlich sehr ähnliche Trainingsformen beschreiben. In der Tat werden die Begriffe propriozeptives Training, sensomotorisches Training und Gleichgewichtstraining sogar synonym verwandt.
Kraft des Gleichgewichts
In unterschiedlichen Studien wurden die Effekte von Gleichgewichtstraining auf die posturale Kontrolle und die Kraft der unteren Extremitäten bei älteren Menschen untersucht. Steadman, Donaldson und Kalra berichten, dass sich ein sechswöchiges Gleichgewichtstraining positiv auf die Leistung in verschiedenen klinischen Tests zur Erfassung des Gleichgewichts und der Alltagsmobilität (z.B. 10-m Gehtest, Berg- Balance-Scale) auswirkte. (...) Weiterhin führte ein dreizehnwöchiges Gleichgewichtstraining mit älteren Menschen zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr zu statistisch signifikant erhöhten Maximal- und Explosivkraftwerten der Beinstrecker. Vor dem Hintergrund der Sturzprävention erscheint die Erforschung der Wirkweisen von Gleichgewichtstraining im Alter auf die Reflexaktivitäten von hoher funktioneller Relevanz zu sein. Der Literatur ist jedoch zu entnehmen, dass sich nur wenige Studien mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. (...) Aus diesen Studien geht hervor, dass sich infolge von Gleichgewichtstraining die Fähigkeit zur Kompensation von Störreizen in Form von verkürzten Latenzzeiten sowie modulierten H-Reflex und Achillessehnenreflex Antworten verbessern lässt. In einem funktionelleren Ansatz untersuchten Granacher et al. die Effekte eines dreizehnwöchigen Gleichgewichts- oder Krafttraining mit Männern im Alter von 60 bis 80 Jahren auf das Vermögen, Störreize während des Gehens auf einem Laufband zu kompensieren. Gleichgewichtstraining induzierte verkürzte Latenzzeiten und erhöhte Reflexaktivitäten in Muskeln, welche massgeblich zur Kompensation der Gangperturbationen (Störreizen) beitrugen. Krafttraining hingegen hatte keinerlei Auswirkungen auf die funktionellen Reflexaktivitäten. Dieses Ergebnis könnte darauf hinweisen, dass Gleichgewichtstraining sturzpräventiven Charakter besitzt.
Besserung durch Training
(...) Im Gegensatz zum inhaltlich klar dimensionsanalytisch strukturierten Krafttraining gibt es für Trainingsformen zur Verbesserung des Gleichgewichtsvermögens keine Belastungsvorgaben auf der Grundlage morphologisch-physiologischer Wirkweisen. Allgemeine Empfehlungen zur inhaltlichen Gestaltung von Gleichgewichtstraining wurden vom „American College of Sports Medicine“ gemacht. Daraus geht hervor, dass die Trainingsintensität über die Verkleinerung der Unterstützungsfläche (z.B. bipedal vs. monopedal), über die Hinzunahme instabiler Unterlagen (z.B. Therapiekreisel, Kippbrett), über den Entzug sensorischer Informationen (z.B. Übungsausführung mit geschlossenen Augen) und über die Applikation von Störreizen reguliert werden sollte. (...) Auf der Basis von Untersuchungen zu den Anpassungserscheinungen an Gleichgewichtstraining bei jungen Menschen kann vermutet werden, dass spinale und v.a. supraspinale Mechanismen die beschriebenen Veränderungen in der Haltungskontrolle verursachen (vgl. Abb. S.44). (...) Die Autoren vermuten, dass infolge von Gleichgewichtstraining eine Verlagerung der posturalen Kontrollmechanismen von kortikalen (Motorkortex) zu subkortikalen Arealen (z.B. Basalganglien und Kleinhirn) stattfinden könnte (vgl. Abb. S.44). Spinale Mechanismen könnten v.a. für die trainingsbedingt verbesserte Fähigkeit zur Kompensation von Störreizen verantwortlich sein. Der Literatur ist zu entnehmen, dass insbesondere das propriozeptive System zur Kompensation von Gangperturbationen beiträgt. Eine erhöhte Wahrnehmungssensibilität von Muskelspindeln wäre daher als mögliche Ursache für die trainingsbedingt verbesserte dynamische posturale Kontrolle denkbar. (...) Wie bereits beschrieben, bewirkt Gleichgewichtstraining neben den positiven Auswirkungen auf die posturale Kontrolle auch Zuwachsraten der Maximal- und Explosivkraft älterer Männer. Primär neuronale Mechanismen im Sinne einer verbesserten intra- und intermuskulären Koordination scheinen für das erhöhte Kraftniveau verantwortlich zu sein. (...) Aufgrund der reduzierten präsynaptischen Hemmung bei Kontraktionsbeginn entsteht eine reflektorisch generierte neuromuskuläre Antwort im Muskel, die diesich auf die Kraftproduktion auswirkt. Die Autoren Gruber und Gollhofer führen den trainingsinduzierten steileren Kraftanstieg und die erhöhte neuronale Aktivierung von Muskeln der Beinextensoren auf diesen abgeschwächten Inhibitionsmechanismus zurück. Weiterhin vermuten Granacher et al., dass die Verbesserung der intermuskulären Koordination (erhöhte synergistische Aktivität und reduzierte antagonistische Aktivität) wesentlich zur schnelleren Kraftentwicklung nach Gleichgewichtstraining beim älteren Menschen beiträgt. Weitere grundlagenorientierte Untersuchungen sind jedoch notwendig, um die exakten neuronalen Anpassungsmechanismen an Gleichgewichtstraining im Alter herauszufinden.
Schlussbetrachtung
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die rege Forschungstätigkeit der letzten Jahre neue Erkenntnisse zu den neuromuskulären Mechanismen, welche ursächlich für den Kraftverlust und die Defizite in der posturalen Kontrolle im Alter verantwortlich sind, lieferte. In diesem Zusammenhang gibt es Hinweise, dass die numerische Reduktion der Satellitenzellen für die Sarkopenie verantwortlich ist und eine Desensibilisierung von Muskelspindeln für Einschränkungen der Haltungskontrolle. Der Einsatz von gezieltem Krafttraining bewirkt einen Zuwachs der Anzahl an Satellitenzellen, wodurch auch in der Muskulatur des älteren Menschen Hypertrophie induziert werden kann. Gleichgewichtstraining scheint die Wahrnehmungssensibilität von Muskelspindeln zu erhöhen. Hierdurch könnte sich die Übertragungsrate neurologischer Signale auf die Motoneurone erhöhen, was wiederum eine verstärkte reflektorische Ansteuerung der Muskulatur in sturzgefährdeten Situationen zur Folge hätte. Kraft- und Gleichgewichtstraining haben daher das Potenzial, biologische Alterungsprozesse zu verlangsamen und diesen entgegenzuwirken. Interessanterweise entwickelte sich während der letzten Jahre in der Forschung eine neue Tendenz zu spezifisch zugeschnittenen Trainingsprogrammen mit älteren Menschen. Um den Auswirkungen des Alterns erfolgreich entgegenwirken zu können und um Stürzen effektiv vorzubeugen, sollte daher Maximal- mit Schnellkrafttraining und Gleichgewichts- mit Perturbationstraining kombiniert werden. Die Umsetzung dieser Hinweise in die Trainingspraxis könnte einen grossen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Lebensqualität und der Autonomie älterer Menschen leisten. Weitere Studien sind jedoch erforderlich, welche die Effekte dieser spezifischen Trainingsmassnahmen auf das neuromuskuläre System und die Sturzhäufigkeit älterer Menschen überprüfen.
