Bewegen will gelernt sein

Chancen für die Fitnessbranche am Arbeitsplatz und in der Freizeit 

Die Fitnessbranche und deren Macher entwickeln ständig neue Programme, Instrumente und Trends. Viele vermeintliche Innovationen verschwinden rasch wieder vom Markt, da sich diese nicht durchsetzten – und zwar oftmals deswegen nicht, weil die Zeichen der Zeit nicht erkannt wurden und am Markt vorbei agiert wurde. Dabei scheint es relativ einfach, mit den richtigen Strategien an finanzkräftige Partner zu kommen und auf diese Weise neue Geschäftsfelder entwickeln zu können.

Unsere Zeit ist geprägt von steigenden Kosten für Lebensmittel, Treibstoff und vieles andere, was man für das tägliche Leben braucht. Auf der anderen Seite stehen die Zeichen bei den Unternehmen auf Sturm – auf Kosteneinsparungen, Entlassungen und weiteren Optimierungen. Dadurch erhöht sich der Druck im Arbeitsleben; jeder bangt um seinen Job. Schenkt man jedoch den Aussagen der Trend- und Freizeitforscher Glauben, so leben wir in einer Freizeitgesellschaft. Trotzdem nehmen sind und finden immer weniger Menschen die Zeit für Entspannung, Erholung und die damit verbundene und so wichtige Ausgleichsbewegung. Abschalten haben die meisten verlernt.

Auch Bewegung muss gelernt sein
Die Freizeitgesellschaft verstümmelt sprichwörtlich. Wenn man in Zürich an einem herrlichen Frühsommertag die Hobbykicker in den Parks beobachtet, kann man mit ein wenig Fachwissen sofort erkennen, dass die Bewegungen jener begeisterten Freizeitsportler teilweise völlig falsch ausgeführt werden. Diese physisch-systemischen Fehlbewegungen resultieren aus Schonhaltungen, aber auch aus der einfach fehlenden physischen Grundausstattung in Form von körperlicher Basis- und sportartenspezifischer Aufbaufitness.
Studien belegen immer genauer, dass die Freizeitsportler ihren „Lieblingssport“ bzw. die entsprechenden Bewegungsabläufe völlig falsch durchführen. Zudem wird weder vor Beginn aufgewärmt noch danach entsprechend nachgedehnt. Verschlimmert wird diese Situation noch dadurch, dass diese  Fehlbewegungen auf lange Sicht zu langfristigen Schäden führen. Dann kann es sogar passieren, dass diese Hobbysportler gar ihren Beruf nicht mehr ausüben können, in Krankenstand gehen müssen oder aber sogar zu Teil- oder Ganzinvaliden werden.

Hoher ökonomischer Schaden
Dies klingt sehr drastisch. Doch wenn man die Zahlen aus der hochaktuellen Publikation „Corporate Mental Wellness“ (Güpner, A./U. Seebacher, Corporate Mental Wellness, USP Publishing, 2008) heranzieht, dann wird verständlich, warum die gesamte Wirtschaft mehr und mehr Gelder in die Prävention investiert. So hat beispielsweise ein Unternehmen mit rund 30.000 Mitarbeitern wohl einen jährlichen Schaden von rund 56 Millionen Euro in nur einem Jahr einzig durch Krankenstandstage realisiert. Diese Unternehmen sind natürlich daran interessiert, Fitnessprogramme anbieten zu können, die präventiv und vor allem auch bewegungsökonomisch funktionieren, um eben die Mitarbeiter nachhaltig schützen und so leistungsfähig halten zu können.
Das erscheint logisch – ist es schliesslich auch, aber nicht einfach. Denn die Menschen haben immer weniger Zeit und wollen sich auch immer weniger Zeit nehmen, um den so wichtigen Ausgleichssport gesundheitsorientiert und anatomisch korrekt auszuführen. Hierin liegt ein Potenzial, welches gerade für die Fitnessbranche von Interesse ist. Schliesslich ist sie es, die neben anderen Berufszweigen über das nötige Expertenwissen in puncto „richtiger Bewegung“ verfügt. Das bedeutet letztlich auch, dass die Fitnessbranche von den enormen Investitionen der gesamten Wirtschaft profitieren kann, wenn attraktive Produkte entwickelt werden, die auf Bewegungsökonomie und Prävention abzielen.

Chance für die Fitnessbranche
Oftmals sind die Arbeitnehmer durch Fehlhaltungen am Arbeitsplatz körperlich gar nicht mehr in der Lage, ihren Freizeitsport (sofern überhaupt einer ausgeübt wird) anatomisch korrekt auszuführen. Häufig fehlen einfach die Grundvoraussetzungen und es herrschen enorme Defizite. Bewegungsökonomie ist dabei ein wesentlicher Aspekt, da die „Bürohengste“ wieder lernen müssen, sich richtig zu bewegen. Es geht um eine aktive Input-Output-Maximierung bei der Sportausübung, die auf Schonung der Gelenke, aktive Nutzung der Muskulatur und damit auf effektive und gesundheitsorientierte Nachhaltigkeit abstellt. Auf diese Weise werden für die Unternehmen wesentliche Risikofaktoren minimiert: Krankenstände, Leistungsabfall, Invalidität und damit auch der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, wenn nämlich wertvolle Know-how-Träger eines Unternehmens nicht mehr leistungsfähig oder einsetzbar sind.
Rückenschulen und klassische Anwendungen sind wichtig und gut, aber für die breite Masse, die die Wirtschaft am Laufen hält – die arbeitende Bevölkerung – nicht attraktiv genug. Programme, die sportartenspezifisch aufgebaut sind und auf Bewegungsökonomie und die damit verbundene Prävention abstellen, werden in Zukunft im Markt bestehen. Vor allem weil Unternehmen diese Angebote suchen und in entsprechendem Masse unterstützen und buchen.

Ziel: Sensibilisierung
Die Sensibilisierung für ein ökonomisches (gesundheitsorientiertes) Bewegungsverhalten spielt am Arbeitsplatz wie auch in der Freizeit eine grosse Rolle. Die Chance für Fitnessstudiobetreiber liegt somit darin, gezielt sportartenspezifische Programme anzubieten oder 10-Minuten-Programme für den Arbeitsplatz zu konzipieren. Ein aktuell sehr erfolgreiches Programm ist zum Beispiel jenes von Prof. Pappert: Fit@Work. Dieses wird bereits von grossen Versicherungen auf breiter Basis um- und für alle Mitarbeiter eingesetzt. Das Programm beschäftigt sich mit der körperlichen und mentalen Fitness durch Bewegungspausen am Arbeitsplatz. Schnelles Geld für Trainer und Fitnessexperten, wenn man bedenkt, dass auf einen Schlag mehr als 1.200 Mitarbeiter zu trainieren sind und mit Sicherheit der ein oder andere Personal Training-Kunde darunter sein wird. Somit können clevere Marktteilnehmer sehr einfach an neues Kapital kommen – aber Vorsicht: Der Bereich der Corporate Clients ist noch wesentlich qualitätsbewusster als der Privatkunde. Dies macht es zwar nicht einfach, garantiert aber, dass sich nur seriöse Angebote nachhaltig durchsetzen werden, was für den Ruf der Fitnessbranche sicher nur von Vorteil sein kann.

Claudia Romano