
Fitte Kids braucht das Land
Die Freude an der Bewegung zählt
Immer mehr Fitnessstudios bieten kombinierte Bewegungs- und Ernährungsprogramme an, welche sich speziell an übergewichtige Kinder richten. Martina Dannheimer hat sich umgesehen, welche Fitnesskonzepte speziell für Kids auf dem Markt sind.
Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren leiden besonders unter der überwiegend sitzenden Lebensweise von heute. Laut Statistiken sind 70% der Kinder in den ersten zwei Jahren der Grundschule von Muskelschwäche zu Lasten der Wirbelsäule betroffen. 20% der Jugendlichen im gleichen Alter leiden unter Übergewicht, und man beobachtet eine Verminderung der Bewegungsfähigkeit besonders bei Aktivitäten, die Geschwindigkeit, Muskelkraft und allgemeine Ausdauer fordern. Es gibt verschiedene Gründe dafür. Aber sicherlich tragen der Mangel an Grünflächen und Spielplätzen in den Städten und viele sitzende Beschäftigungen dazu bei, dass Kinder im Laufe des Tages wenig Gelegenheit und Anregung zur Bewegung haben, und die meiste Zeit in der Schule, vor dem Fernseher oder Computer sitzen.
Es hat sich gezeigt. dass Kreislauf, Atmungsfähigkeit, Mukeltonus und Nervenreflexe bei sportlich aktiven Jugendlcihen im Vergleich zu inaktiven Kindern bedeutend besser sind. Voraussetzung ist natürlich, dass diese körperlichen Betätigungen unter Berücksichtigung der psychophysischen Eigenschaften und der Entwicklungsphase des Kindes angeboten werden. Werden diese Parameter nicht in Betracht gezogen, wären die Leibesübungen wenig wirksam und könnten Ursache von Überbelastung sein.
Wo liegt der Hund begraben?
„Bewegungsmangel“ – ein Begriff, der fast täglich in den Medien auftaucht. In Zusammenhang mit Übergewicht oder anderen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und psychischen Leiden wird oftmals geklagt: „Wir bewegen uns zu wenig.“ Kinder inbegriffen. Gerade bei der jungen Generation steht immer wieder der Schulsport am Pranger. Nicht ausreichend sei dieser, das Angebot nicht den Bedürfnissen angemessen. Dabei ist die körperliche Betätigung vor allem in der Entwicklungsphase von enormer Bedeutung. Folglich haben u.a. Fitnessstudios reagiert. Spezielle Konzepte wurden erarbeitet, welche die Teenies, nicht nur zum Schwitzen bringen, sondern genauso für Spass und gute Laune sorgen sollen.
Kinderfitness-Konzepte werden immer wichtiger
„Schluss mit lustig“ ist, wenn man aktuelle Statistiken betrachtet. Zwischen zehn und 18 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen sind zu dick. „Ich sehe das mit Schrecken“, sagt Ute Wilhelm-Cryns. Vor allem, wenn sie an die körperlichen wie seelischen Spätfolgen denkt. „Und die können sich bereits mit 20 bemerkbar machen.“ Ute Wilhelm-Cryns, selbst Mutter, wollte dagegen etwas tun. Die Geschäftsführerin von „effective circuit-training“ griff 2004 Ideen einzelner Fitnessclubs auf und entwickelte daraus ihr Projekt. „XXLKids“, welches den effective-Studios vorbehalten ist, soll übergewichtigen Kindern beim Abnehmen helfen. Ein Zirkeltraining mit neun effective-Geräten bildet die Basis. Die Besonderheit der Geräte beruht auf dem Prinzip der Isodynamik. Je schneller gearbeitet wird, desto grösser ist der Widerstand. Etwa vergleichbar mit dem Sport im Wassser. "So kann ich das Verletzungsrisiko ausschalten", erklärt Wilhelm-Cryns, was Ihres Erachtens beim Kindertraining die Grundvoraussetzung ist. Zudem findet das zweistündige Programm (empfohlen sind zwei Einheiten pro Woche) stets unter den wachsamen Augen eines Instruktors statt. Gestartet wird mit einer Runde auf den effective- und Herz-Kreislauf-Geräten.
Richtige Ernährung für Kids
Während des Sportelns wird auf die Ernährung eingegangen. Beispielsweise erfahren die Kids, nach wie vielen Minuten sie einen Apfel verbrannt haben. „Praktisch rüberbringen“ möchte Ute Wilhelm- Cryns die Ernährungsthematik. Rund um das richtige Ess- und Trinkverhalten müssten insbesondere die Eltern aufgeklärt werden. Am allerwichtigsten ist ihres Erachtens jedoch die Bewegung. Ute Wilhelm- Cryns: „Schon allein durch die körperliche Aktivität wird Muskelmasse aufgebaut, was wiederum zu einem gesteigerten Energieumsatz führt.“ Durch „XXL-Kids“ haben viele der jungen Teilnehmer erheblich an Selbstbewusstsein und daher Lebensfreude gewonnen.
Umstrukturierung des Alltags
Dass die Motivation der Kids Voraussetzung für den Erfolg ist, weiss auch Boris Kren. Damit sie nicht verloren geht, legt er in seinem Konzept Wert auf einen hohen Spassfaktor. Beim „XXL Power Training für Kinder und Jugendliche", dürfen Spiele nicht fehlen. Die gibt es zum Aufwärmen oder mal zwischendurch. Ansonsten ist das Kinderprogramm mit dem der Erwachsenen zu vergleichen.
2003 entstand die Idee für Krens Projekt. "Übergewicht im Kindesalter ist auf dem Vormarsch", so der Studioleiter vom "Fit&Fun" in Fulda. Selbst Kuren führten in den meisten Fällen nicht zum gewünschten Erfolg. "Denn dort werden die Kinder aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen", bemängelt Kren. Von Bedeutung sei aber die Umstrukturierung des Alltags - und zwar dauerhaft. Gesportelt wird auch hier ausschliesslich unter den Augen eines XXL-Trainers. Einen Plan hingegen gibt es nicht. "Der Trainer ist sozusagen der Trainingsplan", lässt der Studioleiter verlauten. Den Kindern gefällt es. Vile seiner jungen Studiobesucher kommen statt der empfohlenen zwei bis drei Einheiten pro Woche fast täglich. Bei den Kursen, die ebenfalls täglich durchgeführt werden, machen bis zu 40 Kids mit. Die Erfolge sind beachtlich. Boris Kren denkt an einen seiner "schwersten Fälle". Ein höchst übergewichtiger Junge hat mit Hilfe von "XXL Power-Training" 30,5 Kilogramm abgenommen und hält das Gewicht seitdem. "Da Bewegung allein nicht ausreicht, arbeiten wir mit den Vorgaben von Low-Carb", fügt Kern hinzu. Zwar wird bei seinem Ernährungsfahrplan darauf geachtet, wenig Kohlenhydrate zu sich zu nehmen, die Freude am Essen dürfen die Kinder dennoch nicht verlieren.
Spass hat Vorrang
„Gesunde Ernähung muss Spass machen“, meint ebenfalls Stefanie Schröder. Zusammen mit Sabine Steinbach-Schwarz konzipierte sie „active kids“. An Studios, die von der „Inline Unternehmensberatung“ betreut werden, richtet sich das kombinierte Bewegungs- und Ernährungsprogramm. Zwei Trainingseinheiten à 75 Minuten sind es pro Woche. Nach einem kurzen Warmup folgt die erste Verschnaufpause. 20 Minuten lang referiert Ernährungsexpertin Schröder zu Themen rund ums Essen und Trinken. Mit Fragebogen, Malvorlagen oder Diskussionsrunden analysiert sie die Ernährungsgewohnheiten der übergewichtigen Kids. Von Bedeutung sei das Körperselbstbild. Eine realistische Selbsteinschätzung wird erlernt, zudem werden die jungen Kursteilnehmer für eine gesunde Ernährung sensibilisiert. Die Gruppe lernt, wie wichtig das Trinken ist – und zwar nicht Cola und Limo. Und dass ein vollwertiges Frühstück „Benzin“ für den ganzen Tag liefert. „Verbote spreche ich nicht aus“, betont Stefanie Schröder. Ebenso wenig werden Kalorien und Fettpunkte gezählt oder Diätprodukte empfohlen. „Die Kinder sollen ein Gefühl für Mengen bekommen und mal wieder auf natürliche Lebensmittel zurückgreifen“, ergänzt die Kursleiterin. Für unerlässlich hält sie die Unterstützung seitens der Eltern. Darum organisiert man in regelmässigen Abständen Elternabende. „Sie müssen die Notwendigkeit erkennen. Konstanz und Langfristigkeit ist da gefragt“, fordert Sabine Steinbach-Schwarz. Sie, die für den "Bewegungs-Part" zuständig ist, rät zu einer langfristigen Teilnahme. Drei Monate dauert der Basiskurs - sechs, neun oder zwölf Monate das Aufbauprogramm. Ihre Teilnehmer sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Das Prinzip der Neun-bis Zwölfjährigen bzw. 13 bis 15-Jährigen ist gleich: Alle sportmotorischen Fähigkeiten wrden trainiert bzw. verbessert. Dazu geht es an Kraftgeräte, in den Gymnastikraum oder es wird einfach nur gespielt - gerne mit Wettbewerbscharakter. Denn auf diese Weise sind laut Sabine Schwarz-Steinbach die jungen Sportler, maximal zwölf bis 15 sind es pro Gruppe, prima zu motivieren. Um bestmögliche Erfolge zu erzielen, führt man zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Abnehmprogramms sogenannte Testings durch. Diese geben Aufschluss, wie weit das Übergewicht der Kinder stagniert oder gar zurückgegangen ist. Seit rund drei Jahren wird "active kids" umgesetzt.
Sport statt Malstifte
Die Zeit, in der die Eltern beim Training sind, sollte man sinnvoll nutzen. Das war der Gedanke von Panatta Sport. Anstatt den Kindern bloss einen Malstift in die Hände zu drücken, suchte das Unternehmen nach einer Möglichkeit, die junge Generation zu „bewegen“. Weil in Zeiten von Internet und PC-Spielen die körperliche Aktivität der Kinder mehr und mehr abnimmt, sahen die Ingenieure bei Panatta Sport Handlungsbedarf. Dem „vorpubertären Bewegungsmangel“ wollte man entgegentreten. Mit „Panatta Kids“ wurde ein Konzept ins Leben gerufen, das ganz auf die Bedürfnisse der Heranwachsenden abgestimmt ist. Die Sechs- bis Zwölfjährigen trainieren auf speziellen Fitnessgeräten, die sich durch kindgerechte Ergonomie auszeichnen – und durch ihr buntes Design, zum Beispiel in Mickey-Maus-Optik. Motivationsfaktoren sind bei Kindern das A & O. Dazu zählt die Arbeit in der Gruppe. „Die Kinder sind nie sich selbst überlassen“, fügt Jürgen Seidel, General Country Manager von Panatta Sport, an. Rechtlich gesehen auch unbedingt notwendig. Wie Rechtsexperte Ingo Maisenbacher aus Lahr berichtet, dürfen die jungen Sportler nicht ohne Anweisung eines qualifizierten Coachs an den Geräten trainieren. Des Weiteren müssen die Eltern ihre Einwilligung erteilen. Sind Vater oder Mutter mit vor Ort, tragen sie die Verantwortung. Nichtsdestotrotz bedarf es unbedingt einer fachlichen Anleitung. Das Verletzungsrisiko wäre andernfalls einfach zu hoch. Schnell schaden kann den Kids laut Ingo Maisenbacher ein unsachgemässes Fitnessprogramm. So gibt es für Studios, die das „Panatta Kids“-System erworben haben, spezielle Schulungen. In einem dreimonatigen Kurs, der in Zusammenarbeit mit dem IST-Studieninstitut angeboten wird, können sich die jeweiligen Trainer zum "Panatta Kids-Fitnessinstructor" ausbilden lassen. Hierbei wird das nötige Know-how vermittelt, um ein physiologisch optimales Training durchführen zu können. Muskuläre Dysbalancen sollen behoben werden. Besser noch, ihnen soll vorgebeugt werden. Die Prävention bezeichnet Seidel als eine der Hauptabsichten des Projektes. Aber nicht allein die Körperarbeit Spielt eine Rolle. ebenso wird das soziale Verhalten in der Gruppe geübt und das Durchhaltevermöögen gestärkt. Für Sport und Bewegung fehle meist einfach das Handwerkszeug. Demzufolge möchet er sich mit "Panatta Kids" nicht einem vorübergehenden Trend verschreiben. Seidel: "ich sehe das Kindertraining als eine Botschaft."
Schweizer Vorzeigeclub: Wie bereits im Clubreport in der body LIFE Swiss 05/2006 berichtet, ist das „Tropical’s Wellness“ unter der Leitung von Didier und Fabrice Mariéthoz sowie Dr. Bernhard Barras mit den Kindergeräten von Panatta Sport ausgestattet. Ganz nach dem Motto „Fitness statt Fettleibigkeit“ spricht das Fitnesscenter in Sion übergewichtige Kinder und deren Eltern an. Das dreidimensionale Konzept packt die Gewichtsproblematik von der medizinischen, trainings- wie ernährungswissenschaftlichen Seite an. Alte Gewohnheiten ablegen – stattdessen eine neue gesunde Lebensweise erlernen und langfristig umsetzen. Ein wichtiger Aspekt ist die Aufklärung und Information der Eltern. Mit verschiedensten Vorträgen und Beratungsgesprächen möchte man ihnen das entsprechende Bewusstsein näherbringen. Abwechslung erwartet genauso die Kinder. Ob Zirkeltraining, Spiele oder Gruppenkurse – langweilig wird es bei den 40-minütigen Einheiten sicher nicht. Wie oft die Teenies pro Woche Sport treiben, hängt vom Alter ab. Zwei Mal wird den Vierbis Siebenjährigen empfohlen, drei Mal den Acht- bis Zwölfjährigen. Dass die Kinder und Jugendlichen Freude an der Bewegung entdecken, will man mit dem „Fit Kids Club“ erreichen. Ein Ziel, das alle der hier vorgestellten Kinderkonzepte gemeinsam haben. Martina Dannheimer



